Warum die Heilsgeschichte Unheiliges nicht ausblendet
Auch wer nur flüchtig in der Bibel blättert, stößt unvermittelt auf ein wahres Panoptikum von Glaubensstarken und Gottesleugnern, sieht sich umgeben von herausragenden Persönlichkeiten und armseligen Kreaturen, findet sich in Gesellschaft von Kriegern und Königinnen, die allesamt eine Comédie humaine inszenieren und sich oft gar nicht Rechenschaft geben, dass sie in Wirklichkeit in einer Divina Commedia auftreten, in einem universalen Welttheater, in dem selbst glaubensstarke Christenmenschen oft nur mit Mühe Spuren einer Heilsgeschichte auszumachen vermögen.
Da wimmelt es von sündigen Heiligen und heiligen Sündern, von Heldinnen und Heroen und von Ehebrechern und Mörderinnen. Da treten Frauen auf, die das auserwählte Volk listenreich vor dem Untergang bewahren, wortgewaltige Prophetinnen auch und Mahner, die ihre Stimme erheben gegen skrupellose Ausbeuter und eine korrupte Priesterschaft. Da wird gezeigt, wie Gott Könige erwählt und sie dann herabstößt von ihren Thronen, weil sie im Machtrausch zu Verbrechern wurden. Da ziehen käufliche Frauen an gekauften Richtern vorüber, damit sie noch vor diesen gelangten ins Himmelreich …
Obwohl die Bibel dauernd von Gott redet, ist ihr nichts Menschliches fremd. Dies ist der Grund, weshalb fast alle, die sich mit ihr beschäftigen, irgendwann an einer Episode, an einer Geschichte, an einem Ereignis oder auch nur an einem Satz hängenbleiben, mit dem sie sich identifizieren können oder der sie zu Widerspruch provoziert. Es ist dies bestimmt nicht die schlechteste Art, nicht nur die Bibel, sondern auch sich selbst besser kennenzulernen.
Leitung: Prof. Dr. Josef Imbach
